Präeklampsie – auch eine Herzensangelegenheit

Forscher aus Jena und Erfurt berichten über eine neue, einfache Methode zur Früherkennung von Präeklampsie, dem sogenannten Schwangerschaftsbluthochdruck. Damit könnten zukünftig viele schwerwiegende Komplikationen bei Schwangerschaften verhindert werden.

 

Präeklampsie, vielen auch bekannt als „Schwangerschaftsvergiftung“, ist die dritthäufigste Todesursache von Müttern, an der jährlich weltweit zwischen 50.000 und 70.000 Frauen sterben. Auch bei nicht tödlichem Ausgang drohen Mutter und Kind hohe Risiken und Langzeitfolgen wie Herz-Kreislauferkrankungen der Mutter und eine verzögerte Kindesentwicklung.  Allein in Deutschland diagnostizierten Ärzte im Jahr 2011 bei rund 20.000 werdenden Müttern eine Präeklampsie.

 

Eine Forschergruppe um Dr. Andreas Brückmann von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena hat nun eine einfache Methode zur Früherkennung von Präeklampsie gefunden, die bereits seit längerem zur Diagnose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt wird.  Brückmann und sein Team haben die Ergebnisse ihrer Studie mit 101 Probandinnen in der Fachzeitschrift "Hypertension" veröffentlicht. 

Abbildung 1: Durch Analyse der Netzhautgefäße
Abbildung 2: Geschwächte Gefäße bei Präeklampsie

"Der Schlüssel zur Entdeckung der neuen Methode liegt in dem Zusammenhang der Präeklampsie mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen", sagt Dr. Andreas Brückmann, der die Studie leitete. Der Begriff "Schwangerschaftsvergiftung", mit dem die Präeklampsie früher oft beschrieben wurde, führt  laut Brückmann nämlich etwas in die Irre. Zwar können in Folge einer Präeklampsie durch Stoffwechselveränderungen auch toxische Stoffe auftreten, die Mutter und Kind gefährden, die schädlichen Substanzen sind aber nur die Folge von Veränderungen, die unter anderem auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück gehen.  Ein treffenderer Begriff, der sich für die Präeklampsie durchgesetzt hat, ist daher „Schwangerschaftsbluthochdruck“. 

 

Das Tückische an Herz-Kreislauferkrankungen ist, dass sie ihre Symptome wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall meist erst am Ende eines über Jahrzehnte fortschreitenden Erkrankungsweges zeigen. Für die Entstehung sind genetische und familiäre Veranlagung, Genussmittel wie Alkohol, Nikotin, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel mit verantwortlich. Diese Volkskrankheiten des Herz-Kreislaufsystems gehören damit zur Haupttodesursache in unserer Gesellschaft. Erhöhte Blutfettwerte oder Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) führen zu einer langanhaltenden dauerhaften Schädigung der Gefäßinnenwand (Endothel). Der Körper repariert zwar die defekten Gefäßinnenwandzellen (Endothelzellen), denn diese wichtigen Zellen regulieren die Weit- und Engstellung unserer Arterien und damit den Blutdruck. Bei fortwährender Schädigung gelingt die Defektheilung nicht mehr so gut und es entstehen Kalkeinlagerungen, die als Arteriosklerose oder Plaques bezeichnet werden. "Das ist vergleichbar mit Hornhaut an den Füßen, wenn man häufig barfuß läuft", erläutert Brückmann. In den Gefäßen führt die Verdickung der Wände einerseits zu einem verringerten Innendurchmesser, sodass das Blut an diesen Stellen einen höheren Druck zum Durchfluss benötigt. Andererseits kann man sich gut vorstellen, dass dickere Gefäßwände, die womöglich „Kalkein-ladungen“ (Skleroseherde) enthalten, weniger elastisch sind und daher leichter bei Belastung reißen oder brechen können. Der Blutfluß wird in den nahezu steifen Gefäßen zu einem reißenden Strom, und der dadurch auftretende Druck schädigt weitere Endothelzellen der Gefäßinnenwand. 


Endothelzellen sind wichtige Signalgeber für die Gefäßmuskulatur, die die Arterien ringförmig umhüllt. Ist der Blutstrom zu schnell, wird durch Rezeptoren auf den Endothelzellen der Gefäßinnenwand das Signal an die äußere Gefäßmuskulatur gegeben, die Arterien zu erweitern. Dadurch wird der Blutdruck gesenkt. Eine Störung der Gefäßinnenwandzellen (Endothelzellen) verhindert

diesen Funktionsmechanismus und führt zu Bluthochdruck, Arteriosklerose (Arterien-verkalkung) und später zum Herzinfarkt oder Schlaganfall.  

 

Mit Ultraschall lassen sich diese Skleroseherde an leicht zugänglichen Gefäßen, wie z. B. an der Halsschlagader gut darstellen. Meist sind dann jedoch die Gefäße schon deutlich in ihrer Funktion und Elastizität beeinträchtigt. 

 

Zu den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch in der Schwangerschaftsvorsorge gehören Blutdruck- und Gewichtskontrolle sowie Messung der Blutfette, des Cholesterins und des Blutzuckers. Oftmals entstehen Gefäßschäden aber bereits bevor man im Ultraschall oder den Blutwerten Auffälligkeiten entdeckt, und die Funktion der Gefäße ist bereits beeinträchtigt. Mehr Aufschluss über die Funktion und Gesundheit der Gefäße erhält man, wenn man dem Gefäß buchstäblich bei der Arbeit zusehen könnte.

 

Aber wie misst man ein Blutgefäß bei seiner Arbeit, also „in action“? Ein gutes Maß für die Gefäßfunktion ist die Elastizität des Gefäßes. Je flexibler ein Blutgefäß seinen Durchmesser verändern kann, desto besser wird das jeweilige Gewebe mit dem erforderlichen Blutfluss versorgt.  Eine große Variabilität des Gefäßdurchmessers ist daher ein direktes Maß für die Elastizität und Gesundheit eines Gefäßes. 

 

Besonders gut beobachten lässt sich die Variabilität bei den Arterien der Netzhaut. Mit Hilfe einer einfachen Augenuntersuchung lässt sich die Veränderung der Arterien sehr leicht messen (Abbildung 1). Während der schmerzlosen Untersuchung beobachtet der Arzt, wie die Arteriendurchmesser sich auf einen verändernden Lichtreiz zusammenziehen bzw. ausdehnen.  Diese Untersuchung, die bereits seit einiger Zeit zur Früherkennung von Herz-Kreislauf-Risiken erfolgreich eingesetzt wird, heißt „Retinal Flicker Response“ (RFR).  

In der Ende 2015 veröffentlichten Studie untersuchte das Team um Andreas Brückmann, ob die Messung der Netzhautarterien mit Hilfe der RFR auch als ein geeigneter Parameter zur Früherkennung des Schwangerschaftsbluthochdrucks (Präeklampsie) geeignet ist.  Dazu verglichen sie die RFR schwangerer Frauen mit Präeklampsie mit der RFR von Frauen ohne Präeklampsie sowie mit der RFR von nicht schwangeren Frauen.  Während die Arterien gesunder Schwangerer und nicht schwangerer Frauen sich stark auf den Reiz des flackernden Lichts veränderten, war diese Reaktion bei Schwangeren mit Präeklampsie stark verringert (Abbildung 2). 

"Handliche Geräte zur Messung der RFR sind bereits am Markt erhältlich, so dass der RFR-Test auf Präeklampsie sehr einfach beim Gynäkologen durchgeführt werden könnte - praktischerweise beim Termin zur  Nackenfaltenmessung" sagt Brückmann. Denn frühzeitig gegebene Medikamente können einen Schwangerschaftsbluthochdruck verhindern, bevor es zu spät ist. 

Mit der Endothel- und Augenanalyse könnten überhaupt sehr viele Patienten, ob jung oder alt, Mann oder Frau, sehr einfach ihr Bluthochdruck- und Herzinfarktrisiko bestimmen lassen und somit frühzeitig vorsorgen. Brückmann ist zuversichtlich: "Mit einem breiten RFR-Screening könnten viele Herzinfarkte und Schlaganfälle vermieden und die Lebensqualität gerade im Alter erheblich verbessert werden."